Harter Corona-Lockdown: Besser spät als nie

Ab heute gelten in ganz Deutschland verschärfte Regeln zum Infektionsschutz. Viele Einzelhändler, Schulen und Kitas haben den Laden wieder dicht gemacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten hatten den harten Lockdown am Sonntag beschlossen. Diese Entscheidung war richtig, aber sie kam deutlich zu spät.

Mein Kommentar vom 16.12.2020 im Deutschlandfunk:

„Seit September war absehbar, mit welcher Macht die zweite Welle auf uns zurollt. Dennoch zauderten viele Politiker bis zuletzt – und versuchten, es irgendwie allen recht zu machen: Den Schülern, den Eltern, den Gastronomen, Hotelbetreibern und Einzelhändlern.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und nun müssen wir sie endgültig begraben: Die Hoffnung, die Corona-Pandemie in Deutschland mit halbherzigen Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Natürlich wäre es schön gewesen, die wiederholten Appelle an unser Verantwortungsbewusstsein hätten Wirkung gezeigt.

Natürlich wäre es schön gewesen, der Lockdown light seit Anfang November hätte uns allen vor Augen geführt, wie brenzlig die Lage geworden ist.

Und natürlich wäre es schön gewesen, wir alle hätten unsere Kontakte so stark reduziert, wie beim ersten Lockdown im Frühjahr, damit die Infektionszahlen rasch wieder sinken.

All das ist leider nicht passiert. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen übersteigt regelmäßig 20 000. Die 7 Tages-Inzidenz pro 100 000 Einwohner liegt im Bundesdurchschnitt bald viermal höher als der Grenzwert von 50, bis zu dem die Gesundheitsämter noch in der Lage wären, Infektionsketten nachzuverfolgen. Die Zahl der täglichen Covid-Toten hat die 500er-Marke überschritten – Tendenz weiter steigend. Und aus dem Corona-Hotspot Zittau in Sachsen melden Klinikärzte, man sei zur Triage gezwungen – weil wegen Überlastung nicht mehr alle Patienten optimal versorgt werden können. Wegen all dieser Entwicklungen gibt es keine Alternative zum harten Lockdown.

Man kann nur hoffen, dass diesmal wirklich alle mitspielen.

Weil irgendwann ja vielleicht auch der letzte Querdenker, der kürzlich noch beim Zittauer Totenzug das Risiko durch SARS-CoV-2 ins Lächerliche zog, begriffen hat: Das Virus ist real und es kann tödlich sein. Doch selbst wenn diese Einsicht sich Bahn bräche: Über den Berg sind wir damit noch lange nicht. Die Intensivstationen werden noch wochenlang voller werden und die täglichen Todeszahlen weiter steigen.

Die Pandemie ist unerbittlich. Aber sie ist auch berechenbar. Deshalb ist es unverzeihlich, dass die Warnungen von Wissenschaftlern, die schon seit Wochen einen harten Lockdown fordern, lange kaum Gehör fanden.

Seit September war absehbar, mit welcher Macht die zweite Welle auf uns zurollt. Dennoch zauderten viele Politiker bis zuletzt – und versuchten, es irgendwie allen recht zu machen.

Den Schülern, den Eltern, den Gastronomen, Hotelbetreibern und Einzelhändlern. Erst ein erneuter Weckruf der nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina brachte die Verantwortlichen dann doch noch zu Vernunft. Besser spät als nie. Aber früher wäre besser gewesen.

Wir wären gut beraten, die Erkenntnisse der Wissenschaft künftig ernster zu nehmen und auf ihren Rat zu hören. Denn Wissen ist ein verlässlicherer Kompass für die Corona-Krise, als die irrige Hoffnung, es wird schon irgendwie gut gehen. Die Physikerin Angela Merkel brachte es im Bundestag auf den Punkt: Die Schwerkraft kann man nicht außer Kraft setzen. Die Dynamik der Virusausbreitung leider auch nicht.“