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Kritik an Studie von Christian Drosten: „BILD greift in die unterste Schublade“

Für den Dlf habe ich heute einen Kommentar zur Rufmord-Kampagne der BILD an Deutschlands führendem Coronavirus-Forscher geschrieben. Kann man dort nachlesen – oder hier. Mein Fazit: „BILD bauscht banale (wissenschaftliche) Normalität zu einer kruden Enthüllungsstory auf, wonach #Drosten seine Daten falsch interpretiert haben soll.“

KOMMENTAR
Christian Drosten ist ein renommierter Virologe und seine Expertise in Sachen neues Coronavirus so unstrittig, dass uns im Ausland viele um diesen klugen Kopf beneiden. Doch die Redakteure der BILD-Zeitung dachten sich nun offenbar: Höchste Zeit, dass diesen COVID-19-Flüsterer, dessen Wort im Kanzleramt und den Staatskanzleien Gewicht hat, endlich mal jemand von seinem hohen Ross runter holt. Kann ja nicht angehen, dass der uns vorschreibt, wie wir unser Leben zu führen haben und ab wann und in welchem Umfang Schulen und Kitas wieder öffnen dürfen.

Die BILD-Zeitung hat zum Angriff geblasen und greift dazu in die unterste Schublade. Der jüngste Artikel über Christian Drosten stellt Behauptungen auf, ohne sie zu belegen. Er unterstellt methodische Fehler, ohne sie genau zu benennen. Er legt Experten aus dem Kontext gerissene Zitate in den Mund.

Natürlich ist auch Christian Drosten nicht unfehlbar. Die in der Kritik stehenden Studienergebnisse, wonach Kinder, die mit dem Coronavirus infiziert sind, den Erreger womöglich ebenso leicht weiter verbreiten wie Erwachsene, stehen nach Ansicht anderer Forscher auf wackligen Füßen. Die Resultate wurden Ende April eilig publiziert, ohne Qualitätscheck durch externe Gutachter. Und ja: Man hätte die Daten vielleicht auch anders interpretieren können, als der Professor aus Berlin das getan hat.

Experten streiten seit Wochen darüber, doch das ist weder ungewöhnlich noch ehrenrührig: Kontroverse Debatten sind das Wesen der Wissenschaft. Allerdings werden sie sonst unterm Radar der Öffentlichkeit geführt. „Bild“ zerrt sie nun ins Rampenlicht und bauscht banale Normalität zu einer kruden Enthüllungsstory auf, wonach Christian Drosten seine eigenen Daten falsch interpretiert haben soll.

Selbst wenn da was dran sein sollte: Der Virologe von der Charité wäre der Erste, der seinen Fehler zugeben würde. Schließlich hat er im Licht neuer Erkenntnisse schon mehrfach öffentlich eingeräumt, dass er auf dem Holzweg war. Soviel Format wäre den Reportern der „Bild“-Zeitung auch zu wünschen.

Mit gutem Journalismus hat deren Geschichte nichts zu tun, aber das wäre wohl auch zu viel verlangt. Die Zeitung mit den großen Buchstaben will Klicks und Aufmerksamkeit um jeden Preis – und das geht am besten, indem man Emotionen schürt, Prominente an den Pranger stellt und Verschwörungstheoretikern Futter liefert. Soweit so bekannt und so durchschaubar. Dass nun Deutschlands führender Corona-Forscher ins Visier gerät, ist allerdings alarmierend. Denn den Mann brauchen wir noch – und er unsere Unterstützung.

Jeremy Farrar: „Europa ist jetzt das Epizentrum der Covid-19-Pandemie“

Dr. Jeremy Farrar, Präsident Wellcome Trust

„Wir haben es mit einer völlig anderen Größenordnung zu tun als bei der SARS-Pandemie 2003 oder der Schweinegrippe von 2009. Der beste Vergleich ist die Influenza-Pandemie von 1918 – die spanische Grippe. Das ist das Ausmaß der Epidemie, auf das wir uns vorbereiten sollten. Natürlich ist es extrem schwierig, das zu kommunizieren und gleichzeitig zu verhindern, dass die Menschen in Panik ausbrechen. Ich persönlich verspüre keine Panik. Aber ich denke, wir müssen der Gefahr ehrlich ins Auge sehen.

In den vergangenen 100 Jahren gab es keine vergleichbare Situation. Wir müssen uns das bewusst machen – aber ohne in Panik zu verfallen. Denn Panik führt zu schlechten Entscheidungen. Wir müssen ruhig bleiben, die Fakten bewerten und die neuesten Forschungsergebnisse berücksichtigen. Aber wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen. Wir haben es hier mit einem Jahrhundertereignis zu tun.“

Der britische Virologe Jeremy Farrar, Präsident des Wellcome Trust im Dlf-Interview für die Sendung Wissenschaft im Brennpunkt.

Strategie gegen die Angst: Corona und das Krisenmanagement

Zweieinhalb Monate nach seiner Entdeckung in China hat sich das neue Coronavirus rund um den Globus verbreitet. Die Weltwirtschaft leidet massiv darunter – und auch in Deutschland sind nun erste Auswirkungen auf das öffentliche Leben spürbar: Desinfektionsmittel und Einweghandschuhe sind mancherorts vergriffen und in sozialen Netzwerken verbreiten sich Fotos von leergekauften Nudelregalen. Vermittelt der Staat den Bürgern das Gefühl, die Situation im Griff zu haben? Welche vertrauensbildenden Maßnahmen wären jetzt zielführend?

In der Dlf-Sendung ‚Zur Diskussion‘ diskutierte ich darüber mit:

  • Prof. Gerd Gigerenzer, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Harding-Zentrum für Risikokompetenz, Universität Potsdam
  • Prof. Dr. med. Hans Georg Kräusslich, Leiter Zentrum für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg
  • Stephan Detjen, Leiter Deutschlandfunk-Hauptstadtstudio
  • Eva Bahner, Dlf-Wirtschaftsredaktion

Covid-19: „Eine stille Pandemie“

Der Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit forscht am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg
„Es ist nicht gelungen, den Ausbruch des neuen Coronavirus auf China zu begrenzen. Man wird ihn nicht mehr ganz aufhalten können, aber zumindest verlangsamen, dass die Intensivstationen nicht alle auf einmal überlastet werden – sondern dass man das über einen längeren Zeitraum zieht und somit die Patienten auch alle noch gut behandeln kann.

Es kann durchaus sein, dass wir schon seit zwei Wochen Coronavirusinfektionen in Deutschland haben. Nur es hat niemand bemerkt, weil natürlich in einer Vielzahl der Fälle diese Infektion nur mit einer sehr leichten Symptomatik verläuft – wie ein Schnupfen oder asymptomatisch – und gar nicht bemerkt wird. Die Leute werden sich da natürlich nicht testen lassen. Insofern ist es durchaus denkbar, dass das Virus schon einige Tage in Deutschland zirkuliert und jetzt auch die Fälle in Nordrhein-Westfalen oder in Baden-Württemberg nur die Spitze vom Eisberg sind.“ Der Virologe Prof. Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg im Interview für den Deutschlandfunk.

Neues Coronavirus: „Die Mortalität ist nicht so hoch wie bei SARS“

Mitte Januar sieht Prof. Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, angesichts des neuen Coronavirus, das in China grassiert, noch keinen Grund zu übermäßiger Sorge. Im Interview im Deutschlandfunk erklärt er: „Wir kennen das Virus erst seit knapp drei Wochen. Wir sehen jetzt etwas mehr als 200 Fälle, davon drei Todesfälle. Ein großer Unsicherheitsfaktor dabei ist: Hat man alle Fälle bisher erfasst? Es kommen ja im Laufe des Tage immer noch weitere dazu. Was wir jetzt sehen, ist erst der Anfang. Das ist in gewisser Weise beruhigend, weil es nicht sehr viele Todesfälle gibt, aber das kann sich in beide Richtungen natürlich noch entwickeln.“